Fachkompetenz bleibt unverzichtbar – warum sie heute nicht mehr ausreicht

Welche Future Skills heute im Arbeitsalltag entscheiden – und warum Wissen allein noch keine Wirksamkeit schafft

Fachlich ist die Präsentation hervorragend vorbereitet. Aber vor zehn Kolleginnen und Kollegen die eigene Position klar vertreten? Schon schwieriger.

Eine Entscheidung muss getroffen werden. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Aber wer übernimmt die Verantwortung?

Ein Fehler ist passiert. Jetzt wäre es wichtig, offen damit umzugehen, daraus zu lernen und gemeinsam nach vorne zu schauen. Doch genau das fällt schwer.

Drei alltägliche Situationen. Und keine davon lässt sich allein mit Fachwissen lösen.

Entscheidend ist nicht nur, was wir wissen – sondern was wir daraus im Arbeitsalltag machen.

Die Arbeitswelt verändert sich – und mit ihr die Anforderungen

Digitalisierung und KI verändern Tätigkeiten und Prozesse. Neue Software verändert Arbeitsabläufe. Unternehmen wachsen, reorganisieren sich oder müssen sich auf neue Marktbedingungen einstellen. Gleichzeitig verändern Fachkräftemangel und neue Formen der Zusammenarbeit die Rollen vieler Mitarbeitender.

Das bedeutet nicht, dass Fachwissen an Bedeutung verliert. Im Gegenteil: Unternehmen brauchen Menschen, die ihr Handwerk verstehen.

Aber sie brauchen auch Mitarbeitende, die sich selbst organisieren können, Prioritäten setzen, mit anderen gut zusammenarbeiten, Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und mit Veränderungen umgehen können. Menschen, die auch dann handlungsfähig bleiben, wenn nicht alles nach Plan läuft.

Genau hier kommen Future Skills ins Spiel.

Der Begriff klingt zunächst groß. Dahinter stecken aber häufig erstaunlich alltägliche Situationen: Kann ich meine Meinung in einem Team vertreten? Kann ich Kritik annehmen, ohne sie sofort persönlich zu nehmen? Spreche ich einen Fehler offen an? Kann ich mich auf eine neue Arbeitsweise einlassen? Bleibe ich auch in schwierigen Phasen dran? Und übernehme ich Verantwortung, wenn eine Entscheidung getroffen werden muss?

Future Skills entscheiden damit ganz wesentlich darüber, wie wirksam fachliche Kompetenz im Arbeitsalltag überhaupt werden kann.

Andere Voraussetzungen treffen auf andere Anforderungen

In unseren Gesprächen mit Führungskräften, Geschäftsführungen und HR-Verantwortlichen begegnet uns dabei noch ein zweiter Aspekt immer wieder: Junge Menschen kommen heute unter anderen Voraussetzungen ins Berufsleben als Generationen vor ihnen.

Das ist zunächst weder gut noch schlecht.

Sie sind anders aufgewachsen, haben anders gelernt und kommuniziert und bringen dadurch teilweise andere Erfahrungen und Kompetenzen mit. Manche Dinge fallen ihnen leichter. Andere Situationen wurden in Schule, Studium, Ausbildung oder Alltag möglicherweise weniger eingeübt.

Hinzu kommt: Ein Teil der heutigen Berufseinsteiger hat wichtige Jahre des Heranwachsens während der Corona-Pandemie erlebt. Schule, Ausbildung, Studium, Freizeit und persönliche Begegnungen waren zeitweise erheblich eingeschränkt oder fanden digital statt.

Welche langfristigen Auswirkungen diese Phase auf soziale und kommunikative Kompetenzen hat, lässt sich nicht abschließend beurteilen. Plausibel ist jedoch, dass manchen jungen Menschen dadurch Erfahrungs- und Übungsräume gefehlt haben, die frühere Generationen in dieser Lebensphase selbstverständlich hatten.

Vor einer Gruppe die eigene Meinung vertreten. Schwierige Gespräche von Angesicht zu Angesicht führen. Verantwortung für eine Entscheidung übernehmen. Einen Konflikt aushalten. Zu einem Fehler stehen. Auch bei Widerstand an einer Aufgabe dranbleiben.

Vieles davon lernt man eben nicht aus einem Lehrbuch. Man lernt es, indem man es tut.

Es wäre deshalb zu einfach, daraus eine Generationendebatte zu machen oder darüber zu klagen, was junge Menschen angeblich nicht mehr können. Viel interessanter ist die Frage: Welche Erfahrungen und Kompetenzen brauchen sie heute – und wie können Unternehmen dazu beitragen, dass sie diese entwickeln?

Denn wer veränderte Voraussetzungen nur beklagt, verändert noch nichts. Wer Kompetenzen entwickelt, schon.

Welche Future Skills zählen wirklich?

Auch wir bei developus! haben die Weisheit nicht mit Löffeln gegessen.

Deshalb wollten wir nicht einfach eine weitere Liste mit den vermeintlich zehn wichtigsten Kompetenzen der Zukunft veröffentlichen. Wir haben recherchiert, bestehende Modelle betrachtet, Benchmarks verglichen und daraus zunächst einen eigenen Entwurf entwickelt.

Und dann haben wir etwas gemacht, das uns besonders wichtig war:

Wir haben Unternehmen und HR-Verantwortliche gefragt.

Passt unsere Auswahl zu Ihrer Realität? Wo erleben Sie heute besonderen Entwicklungsbedarf? Und was fehlt?

Die Rückmeldungen waren spannend.

Change-Kompetenz, Selbstmanagement und Resilienz wurden beispielsweise besonders hervorgehoben. Gleichzeitig kamen Begriffe hinzu, die in vielen klassischen Kompetenzmodellen deutlich weniger prominent auftauchen: Durchhaltevermögen. Pragmatismus. Verantwortung übernehmen. Entscheidungen treffen.

Ein Unternehmen brachte noch einen weiteren wichtigen Punkt ein: Future Skills dürfen nicht auf einer abstrakten Ebene stehen bleiben. Entscheidend sei, konkrete Anwendungsbeispiele zu zeigen und Menschen dabei zu unterstützen, diese Kompetenzen tatsächlich im Arbeitsalltag einzusetzen.

Genau das trifft auch unser Verständnis.

Fünf Felder, auf die wir besonders schauen

Aus diesem Prozess haben sich für uns fünf Themenfelder herauskristallisiert. Nicht, weil dies die einzig denkbaren Future Skills wären. Sondern weil wir in diesen Bereichen einen hohen praktischen Entwicklungsbedarf sehen.

1. Selbstmanagement & Fokussierung

Die Menge an Informationen, Aufgaben und Ablenkungen nimmt zu. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen, Aufgaben sinnvoll zu strukturieren und auch bei hoher Komplexität fokussiert zu bleiben.

Dazu gehört für uns aber noch mehr: proaktiv statt ausschließlich reaktiv zu handeln, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Ein Satz wie „Das geht mich nichts an“ beschreibt ziemlich gut das Gegenteil davon.

2. Kommunikation & Zusammenarbeit

Wir kommunizieren heute über mehr Kanäle denn je. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Kommunikation besser gelingt.

Informationen klar weitergeben, zuhören, die eigene Position verständlich vertreten, vor einer Gruppe sprechen, unterschiedliche Perspektiven aushalten und gemeinsam zu tragfähigen Lösungen kommen – all das bleibt auch in einer zunehmend digitalen Arbeitswelt entscheidend.

Vielleicht wird es gerade deshalb sogar wichtiger.

3. Feedback & Umgang mit Konflikten

Wo Menschen zusammenarbeiten, entstehen unterschiedliche Meinungen, Erwartungen und Interessen. Entscheidend ist nicht, Konflikte vollständig zu vermeiden. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen.

Kann ich Kritik annehmen? Kann ich selbst konstruktiv Feedback geben? Spreche ich Probleme frühzeitig an? Und gelingt es mir, zwischen Kritik an einer Sache und Kritik an meiner Person zu unterscheiden?

Eine offene Feedbackkultur entsteht nicht durch einen Satz im Unternehmensleitbild. Sie entsteht durch konkretes Verhalten.

4. Change-Kompetenz & Anpassungsfähigkeit

Neue Technologien, neue Software, veränderte Prozesse, Wachstum, Reorganisationen oder neue Kundenanforderungen: Veränderung gehört für viele Unternehmen längst zum Alltag.

Dabei geht es nicht darum, jede Veränderung kritiklos gut zu finden. Es geht darum, offen mit neuen Situationen umgehen zu können, Zusammenhänge zu verstehen, neue Arbeitsweisen auszuprobieren und handlungsfähig zu bleiben.

Eine Rückmeldung aus unseren Gesprächen hat uns dabei besonders gefallen: Pragmatismus – auch „einfach mal machen“, statt alles bis ins Kleinste zu zerreden.

5. Resilienz & Stressmanagement

Nicht jeder Arbeitstag läuft gut. Projekte geraten ins Stocken, Kunden springen ab, Entscheidungen werden revidiert und manchmal funktioniert eine Lösung schlicht nicht.

Resilienz bedeutet für uns deshalb nicht, permanent belastbar sein zu müssen. Es geht vielmehr darum, mit Belastungen und Rückschlägen konstruktiv umgehen zu können, die eigene Energie im Blick zu behalten und auch in schwierigeren Phasen handlungsfähig zu bleiben.

Oder, wie es ein Gesprächspartner formulierte: Durchhaltevermögen auch in weniger guten Zeiten.

Future Skills sind keine Schlagworte

Damit kommen wir aus unserer Sicht zur eigentlichen Herausforderung.

Es reicht nicht, zu wissen, dass Selbstmanagement, Kommunikationsfähigkeit oder Change-Kompetenz wichtig sind. Und es reicht auch nicht, sie in einem Kompetenzmodell aufzuschreiben.

Entscheidend sind vier Fragen:

Welche Skills zählen für meine Arbeit?

Was steckt ganz konkret hinter diesen Skills?

Wie kann ich darin besser werden?

Und wie schaffe ich es, das Gelernte tatsächlich in meinen Arbeitsalltag zu integrieren?

Gerade die letzte Frage wird häufig unterschätzt.

Ein Seminar kann Impulse geben, Reflexion ermöglichen, Methoden vermitteln und Menschen ausprobieren lassen. Entwicklung entsteht aber erst dann, wenn daraus im Alltag anderes Verhalten wird.

Der eigentliche Test beginnt deshalb nicht im Seminarraum. Sondern am Montag danach.

Entwicklung beginnt bei mir selbst

Bei der Entwicklung unserer neuen Future-Skills-Reihe haben wir uns ganz bewusst entschieden, mit Selbstmanagement & Fokussierung zu beginnen.

Nicht, weil wir behaupten würden, Selbstmanagement sei wissenschaftlich betrachtet der wichtigste Future Skill.

Der Grund ist viel einfacher: Es entspricht unserer Überzeugung.

Entwicklung beginnt immer bei mir selbst.

Wer Schwierigkeiten hat, sich selbst zu organisieren, Prioritäten zu setzen, fokussiert zu bleiben und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, wird sich schwertun, anspruchsvolle Projekte zu leiten oder irgendwann Verantwortung für ein Team zu übernehmen.

Selbstführung ist deshalb für uns ein logischer Ausgangspunkt.

Unser erstes Future-Skills-Seminar beschäftigt sich entsprechend mit dem eigenen Arbeitsmodus, Prioritäten und Fokus, persönlichen Energieräubern, Kommunikation, dem Umgang mit Druck und vor allem mit der Frage: Was davon setze ich ab morgen um – was mache ich konkret anders?

Weitere Themenfelder werden in den folgenden Monaten folgen.

Die Zukunft braucht nicht nur mehr Wissen

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre.

Wir werden weiterhin hervorragende Fachkräfte brauchen. Menschen, die Maschinen verstehen, Kunden beraten, Software entwickeln, Prozesse planen, Zahlen analysieren oder komplexe Projekte steuern können.

Aber Fachwissen allein macht Menschen noch nicht automatisch wirksam.

Wir brauchen ebenso Menschen, die Verantwortung übernehmen. Die kommunizieren. Die Entscheidungen treffen. Die Veränderungen mitgestalten. Die mit Rückschlägen umgehen können. Und die bereit sind, sich selbst immer wieder weiterzuentwickeln.

Future Skills sind deshalb für uns kein modischer Zusatz zur Fachkompetenz.

Sie entscheiden zunehmend darüber, was wir aus unserer Fachkompetenz machen.

Und genau dort setzt Entwicklung an.

Entwicklung, die im Arbeitsalltag wirkt.

Herzlichst Euer
Thomas Reimann

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